Ein Hund ist ein Hund

Die Domestikation des Hundes

Die Abstammung des Hundes vom Wolf galt lange Zeit als gesichert. Die Thesen vom Menschen als „Schöpfer“ des Hundes, der seinen wilden Stammvater zähmte und sozialisierte hat bis heute Einfluss auf die Erziehung und die Haltung unserer Hunde. Wolfsmodelle in Erziehung und Fütterung findet man fast überall.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen jedoch, dass diese Modelle längst überholt sind und die Domestikation des Hundes wesentlich vielschichtiger gewesen sein muss, als bisher angenommen. Hunde haben sich nicht aus Wölfen entwickelt. Beide sind vermutlich aus einer sehr viel älteren Population hervorgegangen, die lange ausgestorben ist. Wölfe und Hunde sind lediglich verwandt. Der Hund stammt eindeutig nicht vom heutigen Grauwolf ab. Vieles weist darauf hin, dass Hunde sich aus sog. Protohunden entwickelten.
Wir Menschen lieben Bilder und Geschichten. Vielleicht ist das Bild vom hilflosen Wolfswelpen in den Armen einer frühzeitlichen Frau oder als Spielgefährte für ihre Kinder für uns einfach attraktiver als die Vorstellung, dass sich die Vorfahren unserer Hunde freiwillig in der Nähe der frühen Menschen aufhielten und von ihnen und ihren Hinterlassenschaften profitierten:
Nach der Theorie der Biologen Lorna und Ray Coppinger, entwickelten sich Wölfe (der damalige Stand der Wissenschaft ging noch von Wölfen als Vorfahren der Hunde aus) eigenständig im Schatten des Menschen über Generationen hinweg zum Hund. Tiere mit von Natur aus geringerer Fluchtdistanz bot die neue ökologischen Nische „menschliche Niederlassung“ zuverlässige Futterressourcen: Müll und Fäkalien. Der Hund hatte sich demnach selbst domestiziert (natürliche Selektion).
Pat Shipman, Anthropologin für menschliche Evolution der Pensylvania State University vertritt die Hypothese, dass unsere Vorfahren erst vor ca. 40.000 durch die Kooperation mit dem Hund in der Lage waren große Mengen an Beutetieren zu erlegen. Ihre Vermutungen werden von fossilen Funden aus den sog. Mammutfriedhöfen gestützt. Nur dort findet man ebenfalls Überreste von Hundeartigen, die man ursprünglich Wölfen zugeordnet hatte. Mit den heutigen verfeinerten Analysemethoden können diese fossilen Überreste jedoch bereits domestizierten Hunden zugeordnet werden. Shipmans Hypothese liefert den Stoff, den wir Menschen lieben: eine spannende Geschichte von Kooperation und Jagdgemeinschaft. Das Horrorszenario dieser Gemeinschaft könnte laut Shipman ein eiszeitliches Massensterben und die Ausrottung des Neanderthalers gewesen sein.
Janice Koler-Matznik bezweifelte bereits 2002 die Abstammung des Hundes vom Grauwolf und ging von einer getrennten Entwicklung beider aus. Sie vermutet, dass der Hund von einem mittelgroßen Caniden ohne besondere Spezialisierung abstammt; einem sog. „wilden Canis familiaris“. Ihre Hoffnung, dass ihre (wenig beachtete) Hypothese durch neue Puzzleteilchen im Laufe der Zeit untermauert wird, scheint sich zu erfüllen.
Die Wissenschaft liefert immer neue Erkenntnisse zur Entstehungsgeschichte des Hundes und damit Stoff für neue Geschichten und Bilder. Endlich im Sinne des besten Freundes von uns Menschen. Hunde sind Hunde! Hunde sind anders als Wölfe! Es wird Zeit, Hunde endlich als Hunde zu verstehen!

Quellennachweis und Empfehlungen:

„Die Domestikation des Hundes“ von Dr. Ute Blaschke-Berthold dog-ibox Webinar
Die Biologin Dr. Ute Blaschke-Berthold ist ein Garant für stets aktuelle, fundierte und sachliche Informationen über den neuesten Stand der Wissenschaften zum Thema Hund

Veröffentlichung der Hypothese von Janice Koler-Matznik (Englisch)

Veröffentlichung des Forscherteams von John Novembre / Universität Chicago zur Entstehung von Hunden und Wölfen (Englisch)

„Hunde“ Neue Erkenntnisse über Herkunft, Verhalten und Evolution der Kaniden von Ray und Lorna Coppinger
Ein Klassiker!

The Invaders von Pat Shipman:
Dawn of the dog von Janice Koler-Matznick

 

 

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