Vom Gebrauchshund zum Spezialisten

Menschen haben wahrscheinlich bereits früh begonnen, Hunde auszuwählen und entsprechend ihren Aufgaben und Anforderungen gezielt verpaart. Die Hunde, die beim Menschen lebten hatten immer eine Aufgabe, einen Job. Egal, ob sie Herden oder Haus und Hof bewachten, mit auf die Jagd gingen, Lasten zogen oder mit ihren Menschen in unwirtliche Gegenden vordrangen. Man konnte nur Hunde gebrauchen, die robust in Gesundheit und Körperbau waren, keine Verhaltensauffälligkeiten zeigten und deren Fellbeschaffenheit den jeweiligen Umweltbedingungen angepasst war.

Im Laufe der Zeit begleiteten die unterschiedlichsten Hunde Menschen in fast allen Kulturen. Der Mensch verstärkte durch gezielte Selektion Bewegungsabläufe und Eigenschaften der Hunde zu seinem Nutzen. Dies gilt insbesondere für Sequenzen aus dem Jagdverhalten und für die Territorialität.

Mögen die Grundbedürfnisse aller Hunde gleich sein. Die individuellen Bedürfnisse von Spezialisten können sich doch ganz erheblich unterscheiden. Dies wiederum bedeutet für die Ausbildung und Haltung von Hunden, dass diese entsprechend individuell gestaltet werden muss, um Verhaltensauffälligkeiten vorzubeugen.

Die planmäßige Rassezucht, wie wir sie heute kennen, entstand erst im 19. Jahrhundert. Heute sind etwa 400 Hunderassen  im größten Weltdachverband FCI (Fédération Cynologique Internationale) verzeichnet. Manche von ihnen sind nicht einmal älter als 100 Jahre und entstanden durch Einkreuzungen verschiedener Rassen.

Die moderne Rassezucht stellt uns mittlerweile vor ganz neue Herausforderungen. Die wenigsten Hunde in unserer modernen Welt werden heute noch ihren ursprünglichen Aufgaben entsprechend eingesetzt. Die Zuchtziele haben sich leider ebenfalls verschoben. Standen früher Interieur und Gesundheit im Vordergrund, so wird heute überwiegend das äußere Erscheinungsbild bewertet. Qualzuchten, die die optischen Bedürfnisse des Menschen ansprechen (Kindchenschema) erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Geschlossene Zuchtbücher gefährden die Rassezucht zusätzlich. Einkreuzungen, die dringend notwendig wären, um die Hunde gesund zu erhalten, sind nicht erlaubt bzw. werden endlos diskutiert.

Hunde in modernen Gesellschaften sind heute überwiegend Familien- und Begleithunde sowie Sozial- und Freizeitpartner.  Die wenigsten Hunde erfüllen heute eine Aufgabe, für die sie ursprünglich gezüchtet wurden. Die Ansprüche von uns Menschen an unsere Vierbeiner haben sich zudem ebenfalls stark verändert: Hunde dürfen nicht mehr bellen, nach Fressbarem suchen, sich in Unrat wälzen oder diesen gar fressen, eigenständig stöbern oder jagen. Sie bekommen schnell ein ernsthaftes Problem, wenn sie sich territorial oder gar schützend verhalten.

Die Arbeitshunde der modernen Gesellschaften sind überwiegend in sozialen Bereichen tätig. Die Nachfrage nach dem Therapie-, Besuchs- oder Schulhund steigt. Mittlerweile teilen Hunde nicht nur mit Blinden und Menschen mit Handicap ihr Leben. Sie warnen auch Frauchen oder Herrchen mit Diabetes oder Epilepsie vor einer gefährlichen Unterzuckerung bzw. vor dem nächsten Anfall. Diese Hunde haben zwar eine Aufgabe, üben diese aber leider viel zu selten ihren Bedürfnissen entsprechend aus.

Mittlerweile erfreuen sich zudem auch sog. „Designerhunde“ immer größerer Beliebtheit (Labradoodle und Co.). Man versucht zunehmend züchterisch Hunde zu kreieren, die den Anforderungen der modernen Welt eher entsprechen.

Die Nachfrage nach Hunden mit hoher Reizschwelle, schneller Auffassungsgabe und freundlichem, ausgeglichenem Wesen steigt – möglichst ohne hundliche Ambitionen, wie jagen, warnen, hüten, schützen und nach Fressbarem suchen.  Die Frage „Wieviel Hund steckt dann noch im Hund?“ drängt sich auf. Wird es ihn tatsächlich irgendwann geben, den idealen Familienhund?

In Erinnerung an Kelly:)

Kelly wurde in Colorado/USA geboren und einjährig nach Deutschland importiert. Sie liebte es,  ihr Terrain und ihre Familie im Blick zu haben und Fremde durch Bellen anzuzeigen. Wir übernahmen sie fast 6jährig u.a. mit übersteigertem Bellverhalten. In einem Haushalt mit Tageskindern, in dem Besucher ständig ein- und ausgingen, war sie vollkommen überfordert. Ihre Besitzer entschieden sich auf Anraten ihrer Tierärztin für eine Abgabe. In unserem ländlichen Umfeld durfte sie ihre Bedürfnisse ausleben, ohne von übermäßigen Reizen überfordert zu sein. Sie wurde fast 15 Jahre alt.

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