Wie kommunizieren Hunde?

Dieser Blogartikel ist ein Ausschnitt aus meinem Buch „Folge mir, mein Freund“, das ich als Abschlussarbeit meiner International-Dog-Trainer-Ausbildung erstellt und 2011 veröffentlicht habe. Das Buch ist nicht mehr lieferbar.

Die im Folgenden beschriebenen Verhaltensweisen sind nur ein kleines Puzzleteilchen der hundlichen Kommunikation. Sie können auch von Anfängern sehr gut beobachtet und eingeordnet werden. Am Ende des Blogartikels findet Ihr Empfehlungen zu weiterführender Literatur und DVDs.

Feine Signale – gehen wir auf Empfang!

Mit der Frage „Wie kommunizieren Hunde“ könnte man nun implizieren, dass sie dies bewusst als Sprachersatz täten. Wie der Hund sich dabei fühlt wissen wir nicht, aber wie fühlen Sie sich denn gerade? Sind Sie sich dessen bewusst, dass auch Sie in diesem Moment jetzt Signale senden, die Ihre inneren Gefühle zum Ausdruck bringen?

Nicht nur der Hundeköper „spricht“ ständig. Auch wir tun dies unentwegt. Menschen senden Signale und reagieren auf die ihrer Mitmenschen, meist jedoch eher unbewusst. Wir sprechen dann häufig von Bauchgefühl oder Intuition. Daher ist unsere Körpersprache die wohl ehrlichste unserer Ausdrucksformen. Wenn wir nun unser Augenmerk auf die Signale der Hunde richten, wird unser Blick mit der Zeit immer geübter und dies nicht nur im Umgang mit Tieren.

Leider ist das Ausdrucksverhalten unserer vierbeinigen Weggefährten bisher von der Wissenschaft kaum untersucht worden. Sicherlich gestaltet es sich sehr schwierig bei einer so großen Gruppe von Hunden in unterschiedlichsten Variationen, ausgestattet mit einer hohen Anpassungsfähigkeit an ihre jeweiligen Lebensumstände eine allgemeingültige Aussage zu treffen. .Es sollte uns also nicht überraschen, dass für die Erklärung hündischen Verhaltens häufig das von Wölfen herangezogen wurde.

In den vergangenen Jahrzehnten haben Ergebnisse aus Studien an Gehegewölfen den Umgang mit unseren Haushunden geprägt. Das Verhalten von Tieren, die in Freiheit leben unterscheidet sich jedoch erheblich von dem ihrer Artgenossen in Gefangenschaft.  Zum Glück können wir heute wieder Wölfe in freier Wildbahn beobachten. Erfreulicherweise beschäftigen sich mittlerweile einige Wissenschaftler mehr und mehr mit der Erforschung des Haushundes, und dies nicht nur unter Laborbedingungen, sondern vielmehr auch in seiner natürlichen Umgebung.

Bereits Ende der 80er Jahre begann die norwegische Hundetrainierin Turid Rugaas gemeinsam mit ihrem Kollegen Stale Odegaard das Kommunikationssystem von Haushunden näher zu beobachten. Die beiden fanden heraus, dass Hunde über einen umfangreichen körpersprachlichen Signalapparat verfügen. Sie konzentrierten sich bei ihren Beobachtungen auf Zeichen, die von Hunden in konfliktträchtigen Situationen gezeigt wurden und der Deeskalation dienten. Diese Signale nannten sie „Calming Signals“ (Beschwichtigungssignale). Über diese Bezeichnung wird heute noch vielfach diskutiert. Die Beobachtungen der beiden Hundetrainer haben jedoch nachhaltig zum besseren Verständnis unserer Haushunde und zum respektvolleren Umgang mit ihnen beigetragen.

Im Folgenden werden einige häufig gezeigte körpersprachliche Signale von Hunden beschrieben, um einen ersten Eindruck zu vermitteln. Ich möchte jedoch deutlich betonen, dass die beschriebenen Verhaltensweisen nicht pauschal als „Übersetzungsprogramm“ angewendet werden dürfen und immer im Gesamtzusammenhang bewertet werden müssen. Sie sollten vielmehr als erste Anhaltspunkte für den Einstieg in die „Fremdsprache Hund“ dienen. Diese Sprache lebt und fällt mit ihren Anwendern und ist so individuell wie diese selbst. Die innere Befindlichkeit eines Lebewesens kann sehr unterschiedlich sein, sich jedoch in ähnlichem Verhalten niederschlagen. Gehen wir also auf Empfang!

 „Rund ist freundlich“

Treffen sich unbekannte Hunde, kann man häufig beobachten, dass sie  „runde, weiche“ Bewegungsabläufe vollziehen und einen frontalen Kontakt vermeiden. Sie beschreiten eher einen seitlichen Bogen. Mit dieser Art von Bewegungen, ohne direkten Blickkontakt, signalisieren sie freundliche Annäherung.

Wir Menschen hingegen neigen dazu, ohne Umwege auf unser Ziel zuzusteuern und dies dabei auch noch mit den Augen zu fokussieren. Das könnten Hunde als sehr unhöflich empfinden oder sogar missverstehen und als Angriff deuten.

 

 

Den Kopf abwenden

Hier verstärkt der Hund das Zeichen zusätzlich, indem er sich den Fang leckt

Ein sehr häufig gezeigtes Verhalten ist das Abwenden des Kopfes. Vielleicht nähert sich ein Artgenosse oder eine Person zu schnell oder unterschreitet die persönliche Individualdistanz. Man kann häufig Hunde beobachten, die den Kopf abwenden, wenn ihnen der körperliche Kontakt mit uns zu eng wird.

Wenden nicht auch wir den Kopf ab, wenn uns ein Anblick oder eine Situation unangenehm ist? Manchmal entziehen auch wir unseren Blick, als ob wir uns damit aus der Situation schleichen könnten.

Den Fang lecken/Züngeln

Das Züngeln ist manchmal nur in einem Sekundenbruchteil zu erkennen.

Leckt sich der Hund den Fang oder die Nase sollte man sich ebenfalls überlegen, ob er sich in diesem Moment vielleicht in einer unangenehmen Situation befindet. Wenn die Zunge gezeigt wird, steht dies meist nicht im Zusammenhang mit Betteln oder Futter. Dies geschieht tatsächlich nur dann, wenn der Hund sich den Fang nach dem Fressen leckt. Auch Gähnen ist eher kein Zeichen von Müdigkeit.

Diese Verhaltensweisen sind uns Menschen nicht so fremd wie sie auf den ersten Blick scheinen. Wir berühren auch unsere Nase oder kratzen uns am Kopf, wenn wir unsicher oder unschlüssig sind.

 

Hecheln

Vielleicht ist mir zu warm, ich habe mich angestrengt oder meine Nervosität steigt….

Hecheln ist primär sicherlich eine Reaktion, die zur Wärmeregulierung des Körpers dient. Manchmal lohnt es sich jedoch über die Ursache nachzudenken. So können Hunde zum Beispiel auch bei Stress durch die erhöhte Herzfrequenz und entsprechende Stoffwechselprozesse diese Körperreaktion zeigen.

Splitten

Bahnt sich ein Konflikt in einer Gruppe an, kann man häufig beobachten, wie Hunde sich zwischen die Streithähne stellen oder drängen. Sie setzen ihre Körper als Barriere ein. Dieses Verhalten können sie auch zeigen, wenn sich zwei Familienmitglieder zu laut unterhalten oder gar miteinander schimpfen. Ein Hund versteht unter Umständen auch eine zwischenmenschliche Umarmung völlig falsch. Wenn Kinder miteinander toben und spielen, besteht die Gefahr, dass dies vom Familienhund als Konfliktsituation eingestuft wird. Viele Hunde können unser Verhalten in dieser Hinsicht schwer einschätzen und splitten daher vorsichtshalber. Eifersüchtig sind sie wohl eher nicht. Dies ist häufig eine menschliche Fehlinterpretation.

Jede dieser hier nur auszugsweise beschriebenen Ausdrucksformen muss immer im Gesamtzusammenhang gesehen werden. Genau wie wir Menschen passen auch Hunde ihr Benehmen ihrem Umfeld und ihrer jeweiligen Situation an. Die verschiedenen Verhaltensweisen kann man sehr häufig auch als Mischform beobachten.

Ignoriert man die Signale eines Hundes ständig, wird er sicherlich versuchen, sich stärker zu äußern,  z. B. durch Knurren oder in die Luft schnappen. Insbesondere kleine Kinder übersehen auch diese Zeichen und dann kann auch ein freundlicher Familienhund unter Umständen zubeißen. Er hat aus seiner Sicht sämtliche ihm zur Verfügung stehenden Kommunikationsmittel ausgeschöpft. Wir haben sie nur einfach nicht wahrgenommen.

Wenn man einen Hund in seine Familie aufnimmt, sollte man sich daher unbedingt damit beschäftigen, wie man sich mit ihm artübergreifend verständigen kann. Damit vermeidet man nicht nur gefährliche Missverständnisse, sondern erlebt vielmehr die Entwicklung einer echten Beziehung. Gehen Sie ruhig davon aus, dass Ihr Hund Ihre Mimik, Gestik und Stimmlage längst lesen kann. Hier sind wir diejenigen, die einiges nachzuholen haben.

Die folgenden Links sind Partnerlinks von Amazon. Wenn Ihr beim ersten von meiner Seite weitergeleiteten Click einen Artikel bei Amazon bestellt, erhalte ich eine Provision:

Der Klassiker von Turid Rugaas:

Die DVDs von Dr. Ute Blaschke-Berthold gelten mittlerweile als Standardwerk für Hundetrainer und -besitzer:

Das neueste Monumentalwerk von Katja Krauß und Gabi Maue. Die Autorinnen erheben keinen wissenschaftlichen Anspruch, sondern sehen ihre Arbeit eher als Fundament für die Praxis und die Blickschulung. Großartig!!!

Das Buch von Barbara Handelmann zeigt Hundeverhalten in seiner ganzen Komplexität sowie Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu Wölfen, Kojoten, Füchsen und Schakalen. Es besticht durch wunderschöne Fotos u.a. von Monty Sloan:

 

 

 

Menü